Ein Blatt


 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Buchauszüge

"Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft"

 

 

 

(...)Diese Kultur produziert doch eine Reihe massiver asketischer Tendenzen: sie ekelt sich angesichts von Lustformen wie Sex, Rauchen, adult language oder sogar Höflichkeit.

Ist es nicht erstaunlich, in welchem Maß diese Kultur, die sich am Ende der 60er-Jahre noch als eine Kultur der "sexuellen Befreiung" begriff, seit dem Ende der 90er Jahre als Kultur der "sexuellen Belästigung" agiert und empfindet?

Ist unsere Lust in der Gegenwartskultur nicht den seltsamsten Restritkionen unterworfen, sodass wir (...) nur noch Kaffee ohne Koffein, Schlagobers ohne Fett und Bier vorzugsweise ohne Alkohol verbabreicht bekommen. (....)

 

(...)Künstler werden nun vorzugsweise wegen ihrer vermeintlichen Schwäche ausgesucht; sie sollen auf keinen Fall mondäne Zeichen von kosmopolitischem Engagement, Glamour, Exzess, Verrücktheit, Extravaganz, Obsession, Meisterschaft oder internationaler Solidarität zeigen. Vielmehr werden sie dazu angehalten, möglichst bescheidene Spuren ihrer Armut und Diskriminierung vorzuführen. (...)


"Elegante Gesten, bestechende Formen, Müßiggang, Anhänglichkeit an Rauchwaren, laszive Bitten um Feuer, unanständige Worte und Witze; das sind die alltäglichen Erscheinungsformen des "schmutzigen Heiligen". Warum muß sich eine "reine Vernunft" heute so heftig gegen diese Dinge wehren (...)" 

 

(...) Auch die Tabakkultur wird gegenwärtig aussschließlich unter dem Gesichtspunkt ihrer Schädlichkeit für die Gesundheit als exkrementares Ärgernis des Anderen diskutiert und mit entsprechenden Verboten aus dem öffentlichen Raum verbannt. Dabei wird vergessen, dass das Rauchen ursprünglich Teil der öffentlichen Figur war, nicht der privaten Person. Am Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen sich Menschen auf Porträtaufnahmen vorwiegend rauchend - und das, wie man anhand der eigenen Vorfahren im Familienalbum leicht feststellen kann, oft sogar dann, wenn sie sonst gar nicht rauchten. (...) Es war auch ein Zeichen von Zivilisiertheit: Für die Öffentlichkeit - um anderen gesellig zu erscheinen und ihnen dadurch angenehm zu sein - griffen Menschen zur Tabakware. Rauchen war eine Form der Höflichkeit und diente der Erzeugung eines Hauchs von mondänem Leben an Orten, die auf solchen Status Anspruch machen, wie Restaurants, Cafes und Bars. Auch diese Höflichkeit aber wird man, wenn die Tyrannen der Intimität sich mit ihren fadenscheinigen medizinischen und volkswirtschaftlichen (in Wahheit: biopolitischen) Argumenten durchsetzen, bald, wie die übrigen Spiele, nur noch in Privaträumen ausüben dürfen. Eine neue Generation faschistoider Mimosen, denen alles zum Ärgernis gereicht, was auch nur entfernt nach Zivilisation oderr Intelletkualismus riecht, wird es vielleicht erreichen, die öffentlichen Räume gänzlich dem Diktat ihrer reizlosen Intimsphären zu unterwerfen. (...)

 

(...)ermutigt die Leute dazu, im öffentlichen Raum alles zu beseitigen, was ihnen nicht aus ihrem Privaten her vertraut ist (...)Man darf nicht vergessen, dass noch unsere Eltern- und Grosselterngeneration oft privat überhaupt nicht rauchte und nur im öffentlichen Raum zu Rauchwaren griff; denn dies war ein Zeichen von kultiviertem Verhalten; ein Teil der Ausübung der Rolle des "public man" Heute hingegen wird das Spiel dieser öffenltichen Rolle als unausstehliche, obszöne Privatpasssion wahrgenommen und zu verbannen gesucht. Das, was für alle da ist, wird von diesen als vermeintliches Privateigentum entrüstet zurückgewiesen. Psychoanalytisch gesprochen: gerade ein Verhalten, das der symbolischen Ordnung des öffentlichen Raumes zu entsprechen versucht, wird heute als unerträgliches Genießen des anderen diffamiert. Die Beschwerdeführer sagen damit gleichsam: "Wenn Sie schon unbedingt höflich oder mondän sein müssen, dann machen Sie das bitte zu Hause."

Genau darin - dasss jegliche Lust ihr als unerträgliches Genießen des anderen erscheint -, erweist sich die postmoderne Kultur als lustfeindlich und asketisch. (...)

 

(...)Weil sie nichts mehr dulden, was nicht unmittelbar mit ihnen selbst zu tun hat. (...)

 

 

(...) Es gibt einen Gewinn im Verzicht selbst. Die Unlust des Verzichts ist eine verkleidete Lust. (...)

 


 

 

*Quelle:  "Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft"

von Robert Pfaller

 

Fortsetzung folgt